Im Mühlviertel beginnt's wie in Linz

Die Konzepte für Linz 09 sind nicht aus Granit, meinen Heim.Art, ein Hotel und ein rosa Brite

Großmächtig dröhnt Linz als Kulturhauptstadt, viele Events, Kunst allüberall. Martin Heller, der künstlerische Intendant für "Linz, Kulturhauptstadt '09", will die Landeshauptstadt zum Gastgeber Europas werden lassen, dafür nicht nur den öffentlichen Raum, sondern auch die Hotels einbinden, die sich auf den Kulturgast polen sollen. Seine Schwerpunkte: Upgrading der Stadt als Besucherattraktion durch Kunst und Gastlichkeit, was auch widerspruchslos goutiert wird. Ganz im Gegensatz zu einem weiteren Schwerpunkt: der Aufarbeitung der Nazizeit in der "Lieblingsstadt des Führers", die manche übertrieben oder überholt finden - zu erwarten bei diesem Thema, das mit der nun beendeten Ausstellung "Stadt des Führers" am Schlossberg aber immerhin 60.000 Besucher anlockte.

Auch Hellers künstlerische Ansprüche und das Abdrehen des Geldhahns für einige Darsteller der freien Szene werden wild debattiert. Aber so soll es ja sein, meint er mit schweizerischem Gleichmut, der gut nach Österreich passt. Er will sich in die Gesetztheit des Alltags einmischen, das Publikum aufmischen, neue Ideen nachhaltig installieren, was zum Beispiel beim "Kinderpunkt" gut gelingt: In Räumlichkeiten mit Spielzeug und bequemem Inventar ausgestattet, wo Mütter und Väter mit Kindern einfach sein können - ohne Konsumations- oder sonstige Zwänge. Auch die Popularisierung der Wissenschaft scheint zu gelingen, die zweimal wöchentlich stattfindenden philosophischen und wissenschaftlichen Diskussionen im Kepler-Salon sind bereits überlaufen.

Kulturhauptstadt gespiegelt

Es brodelt jedenfalls schon ein wenig in Linz, um jede Ecke originelle Ideen, neue Kunstzugänge, interessante Ausstellungen und Performances. Um das aufmerksam zu erleben, bedarf es vielleicht auch eines ruhigen Blicks von außen. So dachten jedenfalls die Besitzer eines ehemaligen Gasthofes, zu einem witzig-modernen Hotel-Restaurant um- und ausgebaut, das sich im Mühlviertel in ein kleines Tal an der Großen Mühl schmiegt. Ein echter Familienbetrieb, gespiegelt im aufgestauten Bach, mit Blick auf Wald und Bähnlein - auf die Mühlkreisbahn nämlich, die stündlich wie in einer Modelleisenbahn-Landschaft vorbeigleitet, leise und kurios.

Sie ist auch die "Nabelschnur", die Stille und Heimeligkeit mit der, na ja, zumindest vergleichsweise größeren Linz-Hektik verbindet. Wer also, statt bald paralysiert im Großstadttrubel von Linz zu versinken, Kunst in verdaubaren Happen und Natur vor dem bequemen Kunsthotel erleben möchte, solle sich doch gefälligst die 30 Kilometer nach Neufelden entfernen und von dort aus Linz fokussieren.

Und Kunst mit Kunst verbinden. Denn der Mühltalhof mit Glasgarten zum Wasser spielt bereits in den eigenen vier Wänden mit gekonntem Stilmix ein wenig Retro-Galerie: liebevoll wiederentdeckte Kippschalter, teilweise Walzenbemalung der Wände, die alte Wirtsstube und das Kaminzimmer konterkarieren das gläserne Restaurant mit Wurlitzer. Solche Scherze will man sich erlauben, ernst bleibt das Haus ja mit grandioser Haubenküche, einem besonders klaren, angenehmen Saunabereich ohne Schnörkel und bei allem, was man als Gast halt so braucht.

Maschinenring ums Lagerhaus

Vor der Tür ein riesiger Findling, beim Empfang ein verbretterter Baumstamm: Das Hotel selbst birst vor schrägen Ideen, dazu kommt aber noch der "hauseigene" Künstler und Gründer von "Heim.Art", Joachim Eckl, der ein paar hundert Meter weiter ein altes russisches Lagerhaus mit Installationen bespielt und davor eine Röntgen-Telefonzelle: mit einem Selbstporträt, wo er "in sich gehen" kann. Weiters wurden installiert: ein Turm mit alten Reifen, die zusammen schon 36-mal die Distanz zum Mond zurücklegten, ein gestrandetes Traunsee-Schiff, ein Uhrturm, entgleiste Waggons - was man halt so braucht, um sich künstlerisch auszudrücken als Mitarbeiter von Christo, Jeff Koons und anderen führenden Zeitgenossen.

Steigt man dann wieder in das Bähnlein und fährt statt nach Linz (eine Stunde) in die andere Richtung, nach Aigen (3/4 Stunde) mit dem berühmten Stift Schlägl, erlebt man noch eine Überraschung in der harten Landschaft des granitenen Mühlviertels: die rosa Galerie des rosa (von den Schuhen bis zu den Haaren, vom Auto bis zur Hausbemalung) Künstlers Nick Treadwell, der seine Heimat England gegen ein weites Land eintauschte und hier seit fünf Jahren eigene und die Werke von Freunden ausstellt. Mit viel Gestik gerne erklärt, freilich ein wenig durch die rosa Brille gesehen. (Elisabeth Hewson/DER STANDARD/Printausgabe/11./12.4.2009)